Die Krupp'sche Nachtscheinanlage BUCHNEUERSCHEINUNG am 16. August 2017
           Die Krupp'sche Nachtscheinanlage            BUCHNEUERSCHEINUNG am 16. August 2017

Die Geschichte der Kruppschen Nachtscheinanlage

Allgemeines

Die Kruppsche Nachtscheinanlage wurde im Kriegsjahr 1941 ca. 3km nordöstlich der Stadt Velbert auf dem Velberter Rottberg errichtet. Einzelne Anlagenteile dehnten sich bis in das Asbachtal und in angrenzendes Essener Gebiet aus (Ludscheidt, Rodberger Straße).

 

Die Anlage war eine mit einfachsten Mitteln errichtete Attrappe der Kruppschen Gußstahlfabrik in Essen. Sie sollte Bombenangriffe auf das ca. 10km entfernt liegende Gussstahlwerk in Essen abhalten, was von 1941-1943 auch weitestgehend gelang.

 

Funktionskonzept und Bauweise der Nachtscheinanlage

Auf den Feldern hatte man ab 1941 verschiedene Attrappenbauten errichtet, die eines gemeinsam hatten: Sie sollten den nur nachts angreifenden alliierten Flieger suggerieren, dass sich hier die schlecht abgedunkelte und in Betrieb befindliche Gußstahlfabrik befindet. Das „echte“ Werk und die umliegenden Städte hingegen waren verdunkelt.

 

Dabei ging man von der Voraussetzung aus, dass die nachts einfliegenden Flugzeuge nur in Grobanpeilung die Ziele anflogen, während die genaue Zielanpeilung visuell erfolgte. Wenn das eigentliche Ziel gut verdunkelt war, das Scheinziel jedoch entsprechende Lichterscheinungen zeigte, konnte durchaus mit Erfolgen gerechnet werden.

 

Es gab auf dem Rottberg viele Anlagen, die auch in einer echten Fabrik vorhanden waren, nur dass alles eben aus Holz, Spanplatte, Segeltuch und anderen Leichtbaumaterialien gebaut war. Zudem war alles etwas kleiner als das Original.

 

Realisiert wurden ein 36m hoher Schornstein mit künstlichen Dampfschwaden, verschiedene andere Anlagennachbauten mit künstlichen Lichteffekten, die Gießereifeuer und Schweißarbeiten nachbilden sollten, und sogar eine 2-gleisige kleine Eisenbahn mit zwei Zügen, die im Kreis fuhren – ebenfalls „dezent“ beleuchtet, und auf den Anhängern wurden Lichteffekte erzeugt, die glühende Schlacke vortäuschen sollten. Die Lokomotiven waren umgebaute Feldbahnloks mit Dieselantrieb, die während der Angriffe unbemannt fuhren. Im Gelände gab es viele ebenfalls beleuchtete Sheddach-Attrappen, sie sollten Fabrikhallen nachbilden. Die Anlagen waren abgesehen von ihrer nächtlichen Beleuchtung und „Befeuerung“ abgetarnt und eher unauffällig, so dass sie tagsüber aus der Luft schlecht erkennbar waren.

 

Die technischen Bestandteile der Scheinanlage, offiziell nannte man sie „Täuschungsgeräte“,  waren nach „Regelbauplänen“ gebaut, hierzu gab es eine eigene militärische Dienstvorschrift. Darin sind insgesamt 21 verschiedene Täuschungsgeräte definiert und mit Bauplänen, Materiallisten etc. dokumentiert.

 

Die durch die Scheinanlage in Anspruch genommene Fläche betrug etwa 2,5 x 1,5km. Dabei waren die Anlagen aber nur „partiell“ aufgebaut, und nicht etwa flächendeckend wie ein echtes Werk. Die nächtlichen Effekte genügten hier aber, um das echte Werk vorzutäuschen.

 

Inmitten der Anlagenattrappen wurde ein schwerer Leitbunker gebaut. Von ihm aus wurden die elektrischen Schaltungen vorgenommen, und hier fand das Führungspersonal auch Schutz bei den unvermeidlichen Angriffen. Der Leitbunker war „schwer“ und bombensicher ausgebaut, von ihm aus konnten wegen seiner überhöhter Lage nahezu alle Bestandteile der Scheinanlage eingesehen werden, was für Betrieb und Führung der Anlage wichtig war.

 

An verschieden Stellen innerhalb der Scheinanlage wurden im weiteren Kriegsverlauf so genannte Scheinsignalraketen positioniert. Diese wurden bei sich annähernden Flugzeugen auf ca. 2.000n Höhe hochgeschossen und waren so beschaffen, dass sie den von den britischen Pfadfinder-Flugzeugen abgeworfenen „Christbäumen“ (Zielmarkierung) glichen und die Bomber gezielt zur Anlage lenken sollten.

 

Die Anlage war militärischer Sicherheitsbereich. Zudem war sie „streng geheim“. Sie wurde vermutlich von der „Organisation Todt“ errichtet (damalige Bautruppe), dann aber von der Luftwaffe betrieben. 

 

Die Anwohner

Die Bauern mussten für die Errichtung der Scheinanlage ihr Land abgeben, notfalls wurden sie auch enteignet. Für diese bedeutete die Anlage natürlich eine konkrete Bedrohung und ein drastischer Einschnitt in das „normale“ Leben, denn sie stellte für die angreifenden Flugzeuge im wahrsten Sinne des Wortes eine überdimensionale nächtliche Zielscheibe dar, auf der die Menschen lebten!

 

Die Anwohner wurden bis ca. Ende 1942 regelmäßig von abends gegen 22 Uhr bis morgens gegen 06 Uhr vom Rottberg evakuiert. Dieses ging wohlorganisiert, teils sogar mit Bussen, von statten. Ganz offenbar gab es hier Anordnungen von „hoher Stelle“, welche das Schutzobjekt, in diesem Fall die Kruppsche Gußstahlfabrik, über das Wohl der Bauern und Anwohner auf dem Rottberg stellte.

 

Die Wirksamkeit

Die Anlage erfüllte 1941 / 1942 ihren Zweck und wurde häufiger angegriffen, allerdings niemals mit einem flächendeckenden großen Angriff. Eher dürfte sie zur „Verwirrung“ geführt haben. Auf die Anlage wurden dennoch viele Bomben abgeworfen, sowohl Sprengbomben als auch über 5.000 Stabbrandbomben. Es fielen zudem etliche schwere Bomben und auch Luftminen in die angrenzende Region, wo dann teils auch Opfer zu beklagen waren. Auch diese wurden von der Bevölkerung als „dem Scheindorf geltend“ gewertet.

 

Ab 1943 konnten sich die Flieger dann soweit orientieren, dass sie nicht mehr die Scheinanlage angriffen, sondern das echte Werk. Erstmals im Frühjahr 1943 wurde die Gußstahlfabrik massiv und mit „Erfolg“ angegriffen, dann jedoch in zunehmendem Maße und mit letztendlich zerstörerischer Wirkung. Hatte die Scheinanlage bis dahin ihren Zweck mehr oder weniger erfüllt, so war ihre Zeit spätestens zu diesem Zeitpunkt vorbei. Die Anlage wurde dann Anfang 1944 stillgelegt.

 

Was ist übrig

Direkt nach dem Krieg wurde die Anlage von der Bevölkerung abgebaut und „verwertet“. Noch heute findet man auf dem Rottberg vielfach die Eisenbahnschienen der Scheineisenbahn – als Zaunpfähle.

 

Der ehemalige Leitbunker der Kruppschen Nachtscheinanlage aber entging nur durch Zufall der für ehemalige Militäranlagen obligatorischen Sprengung durch die Besatzungstruppen. Der damalige Eigentümer des Grundstückes, ein Landwirt auf dem Rottberg, konnte den britischen Besatzungstruppen verdeutlichen, dass er diesen unabdinglich für landwirtschaftliche Zwecke nutzen müsse – was genehmigt wurde. So ist die Anlage über die Jahrzehnte hinweg unbeschädigt erhalten geblieben.

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